Inklusion hörbehinderter Studenten an Hochschulen - eine Illusion?
Mehr und mehr hörbehinderte junge Menschen entscheiden sich für ein Studium an einer Hochschule. Neben den Herausforderungen des Studiums haben hörbehinderte Studenten zusätzliche Schwierigkeiten, denn alle deutschen Hochschulen sind lautsprachlich ausgerichtet. Um diesen sprachlichen Nachteil zu kompensieren, gewährleistet der Staat einen Nachteilsausgleich in Form von: Gebärdensprachdolmetschern , Tutoren und Mitschreibkräften .
Hörbehinderte, die auf auf diese Hilfe angewiesen sind, haben jedoch oft Probleme bei der Antragstellung. Die Anträge sind schwer zu verstehen und sehr umfangreich und die Studenten warten oft über ein Jahr bis das zuständige Amt die Kosten für die Hilfen bewilligt.
Doch was machen die gehörlosen Studenten bis dahin? Entweder können sie die Kosten für Dolmetscher, Tutoren und Mitschreibkräfte vorschießen oder sie müssen die Seminare ohne Gebärdensprachdolmetscher und Mitschreibkraft sowie ohne die Hilfe von Tutoren besuchen. Die erste Möglichkeit geht mit einer sehr hohen finanziellen Belastung des jungen Menschen einher und wenn das Amt den Antrag ablehnt, bleibt der Student auf den Kosten sitzen. Die zweite Möglichkeit macht das Studieren unmöglich, denn unter diesen Umständen gehen viel zu viele Informationen verloren, so dass die erforderten Leistungen nicht ausreichend erfüllt werden können.
Sind die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher, Tutoren und Mitschreibkräfte bewilligt, sind die Probleme jedoch noch nicht alle beseitigt.
Bei der Suche nach Mitschreibkräften werden hörgeschädigte Studenten seit noch nicht langer Zeit von der „Servicestelle zur studienorganisatorischen Unterstützung gehörloser und hörgeschädigter Studierender an Hamburger Hochschulen (STUGHS)“ unterstützt. Hier können sie ihre Stundenpläne einreichen und die Servicestelle kümmert sich dann um die Mitschreibkräftebesetzung.
Für die Organisation der Gebärdensprachdolmetscher und Tutoren sind die hörgeschädigten Studenten selbst verantwortlich. Das kostet viel Zeit und Nerven, die vom Studium abgehen und ist in der Umsetzung nicht immer einfach. Für kurzfristige Termine ist es oft schwierig Dolmetscher zu bekommen. Referate müssen nicht nur vorbereitet und gehalten werden, sondern im Vorfeld genau mit den Dolmetschern durchgesprochen werden, damit die Dolmetschleistung so gut wie möglich ist usw. Bei Tutoren gibt es ein spezielles Problem. Viele hörgeschädigte Studenten sind über diesen Rechtsanspruch nicht informiert, so dass sie erst verspätet im Laufe ihres Studiums Tutoren in Anspruch nehmen. Gerade in der schwierigen Anfangsphase sind sie demzufolge mit ihren Aufgaben alleine und oft überfordert. Auch für die Organisation von Tutoren sind die hörgeschädigten Studenten erstens selbst verantwortlich und zweitens gestaltet sie sich oft sehr schwierig. Die Aufgaben sind sehr komplex. Sie erfordern hervorragende Deutschkompetenzen, Korrekturerfahrungen, einen sicheren Umgang mit den Formalia wissenschaftlichen Schreibens und Studiumserfahrungen. D.h., die hörgeschädigten Studenten können nicht Kommilitonen aus ihrem Semester fragen, ob sie ihnen helfen, sondern müssen den Kontakt zu höhersemestrigen deutsch- und gebärdenkompetenten Studenten herstellen. Es gibt nicht viele Studenten, die kompetent genug sind, diese Aufgabe zu erfüllen und die sich für den relativ geringen Stundenlohn von momentan 13,- Euro/Stunde (Stand Okt. 2011) bereit erklären, diese recht komplexe Aufgabe zu übernehmen. Oft ergibt es sich erst im Verlaufe des Studiums, dass gute Tutoren gefunden werden. Man müsste schnellstmöglich darüber nachdenken, wie die Tutorensuche von hörgeschädigten Studenten erleichtert werden könnte.
Resümierend lässt sich festhalten, dass mit diesen Hilfsmaßnahmen auch sehr viel Organisationszeit und –stress verbunden ist. Es handelt sich also auch um eine zusätzliche Belastung, die hörenden Studenten erspart bleibt.
Ein weiteres Problem ist die Kommunikation mit anderen hörenden Studenten. Diese Kommunikation ist nicht gesichert. Dolmetscher sind nur für die Seminare und Vorlesungen bestellt. Aber was ist mit den Pausen, was ist mit der Vorbereitung von Gruppenreferaten, Lerngruppen usw.? Sich mit anderen Studenten über Seminarinhalte auszutauschen, ist sehr wichtig. Ohne Dolmetscher ist das für Hörbehinderte aber oft schwierig.
Die hier beschriebenen Fakten stellen nur eine Auswahl und wahrscheinlich die schwerwiegendsten Schwierigkeiten hörbehinderter Studenten dar. Von wirklicher Inklusion sind wir noch weit entfernt. Vieles muss sich noch verbessern, um hörbehinderte Menschen vollständig in die Gesellschaft einzubinden.
Inklusion ist ein heißes Thema, das besonders in der Gehörlosengemeinschaft oft diskutiert wird. Besonders im Schulkontext ist Inklusion in der Umsetzung heikel, denn wird Inklusion falsch umgesetzt, hat es für Hörgeschädigte oft die schlimme Kommunikationsisolation zur Folge.
Am 14. Mai 2011 fand eine Veranstaltung mit dem Thema „Inklusion in der Bildung“ in Hamburg statt, die von der Jugendgruppe Hamburg im BdS e.V. (Bund der Schwerhörigen) organisiert wurde. Anwesende Mitglieder der Gehörlosen- und Schwerhörigengemeinschaft, darunter Schüler, Studenten, Lehrer, Bildungsexperten und Hochschulprofessoren, waren sich einig, dass hier dringend etwas getan werden muss. Nun gilt es, aktiv zu werden und gemeinsam Lösungsvorschläge zu erarbeiten.