Schriftsprache Gehörloser

In unserer Gesellschaft ist Hören Können sehr wichtig. Viele Informationen werden mündlich und damit akustisch vermittelt. Seien es die Nachrichten im Radio, die Durchsage in öffentlichen Verkehrsmitteln, die mündlich übermittelte Arbeitsanweisung oder das kurze Gespräch mit einem Kollegen. Menschen mit einer Hörbehinderung können akustische Informationen
entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt wahrnehmen.

 

Eine Möglichkeit für hörbehinderte Menschen ist, auf die schriftsprachliche Information zurückzugreifen. Allerdings stehen sie auch hier vor großen Problemen.

 

Das geschriebene Deutsch orientiert sich erstens an der
 Aussprache des gesprochenen Wortes und zweitens an der Grammatik der Deutschen Lautsprache. Da Gehörlose nicht hören, haben sie die Deutsche Lautsprache nicht nebenbei erworben wie hörende, sondern müssen sie mühsam und mit vielen bleibenden Schwachstellen erlernen. Dieser Aspekt ist enorm wichtig, um zu verstehen, warum Gehörlose große Probleme mit dem verstehen und schreiben von Texten haben.

 

Wenden wir uns zuerst Punkt 1 zu: Buchstaben repräsentieren Laute. Ein geschriebenes Wort (z.B.
„Maus“) setzt sich aus einzelnen Lauten (z.B. [m-a-u-s]) zusammen. Die Aussprache ist für eine gehörlose
 oder stark schwerhörige Person nicht bzw. kaum über das Gehör wahrnehmbar und bleibt somit sehr abstrakt. Rechtschreibregeln, die sich auf lautliche Feinheiten beziehen, sind für Gehörlose nicht hilfreich. Der feine lautliche Unterschied z.B. in der Regel des Scharfen-S, dass man „bei langem Vokal den Buchstaben „ß“ (z.B. Straße) und bei kurzem das „ss“ (z.B. muss) schreibt, ist für Gehörlose nicht wahrnehmbar. D.h. er muss Wort für Wort auswendig lernen, wann man das Wort mit „ß“ und wann mit „ss“ schreibt.

 

Wenden wir uns Punkt 2 zu: Gehörlose hören die Deutsche Lautsprache nicht ständig passiv und erwerben sie deshalb nicht nebenbei wie Hörende. Viele Menschen denken, dass Gehörlose diese Lücke durch das Lippenlesen kompensieren. Das ist jedoch ein schwerwiegender Irrglaube. In einem Face-to-Face-Gespräch kann ein Gehörloser ca. 30% durch die Mundbilder entschlüsseln. Ca. 70% des Gesagten gehen verloren und müssen durch Kontextwissen erraten werden. D.h., der Gehörlose bekommt nur Sprachbrocken mit, so dass er das Gesagte nicht voll verstehen kann. In einem Gruppengespräch sieht es noch schlechter aus. Man kann schlecht drei Lippen auf einmal anschauen.

 

Gehörlose müssen die sprachlichen Regeln des Deutschen ähnlich wie eine Fremdsprache mühsam trainieren. Da die Schriftsprache eine Verschriftlichung der Lautsprache ist, muss der Leser/Schreiber von Texten sicher mit der Grammatik der Deutschen Lautsprache umgehen können. Das ist aus den genannten komplexen Gründen bei Gehörlosen oft nicht der Fall. Deshalb bleibt die deutsche Schriftsprache für hörbehinderte Menschen oft
sehr abstrakt und fremd. Das Verwenden der deutschen Schriftsprache stellt daher keine wirkliche Alternative in der Verständigung mit hörgeschädigten Menschen dar. Oftmals werden deutsche Texte nur sehr eingeschränkt verstanden. Der fehlende akustische Zugang zur deutschen Sprache
zeigt sich oft in Grammatikfehlern und einem geringeren Wortschatz.

 

Gehörlose Menschen kommunizieren mittels der Deutschen
 Gebärdensprache (DGS). Die DGS ist eine eigenständige und vollwertige Sprache,
die auf der Gebärde und Mimik basiert. Sie ist Gehörlosen barrierefrei zugänglich. Nur in dieser Sprache können sich gehörlose Menschen richtig verständigen. Jedoch unterscheidet sich die Grammatik der DGS fundamental von der des gesprochenen Deutsch.

 

Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass das Wissensniveau einer
 hörgeschädigten Person dank der Gebärdensprache prinzipiell unabhängig vom Hörstatus ist.